Tanja, wie ist es dazu gekommen, dass du in England lebst? Kannst du uns bitte etwas über deinen spannenden Beruf verraten?

Der Hauptgrund, weshalb ich vor elf Jahren nach Großbritannien gegangen bin, ist mein Beruf. Ich bin ja Wissenschafterin und wollte nach meinem Biologiestudium meine weitere Ausbildung in einem Spezialgebiet machen, für das es in Österreich nur wenige Möglichkeiten gab. Aber in Schottland, wo ich damals hingezogen bin, gab es diese und so bin ich hier gelandet. Ich mochte aber schon immer die englische Sprache und war neugierig, wie es wohl sein könnte, in einem anderen Land zu leben.

Heute wohne ich in England und bin, wie gesagt, Forscherin. Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, wie der Körper von Menschen und Tieren versucht, sich gegen verschiedene Krankheitserreger zu schützen. Und wie jetzt beim Coronavirus, kann man dann mit diesem Wissen zum Beispiel Impfstoffe entwickeln, wenn unser Körper für manche Krankheiten Hilfe braucht. Derzeit versuche ich, einen Impfstoff gegen eine Viruskrankheit zu entwickeln, die bei Elefanten vorkommt und vor allem für deren Babys gefährlich werden kann. So können wir vielleicht einer vom Aussterben bedrohten Tierart etwas helfen!

Nun ist das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil der Europäischen Union. Was bedeutet das für dich?

Wie alle EU-Bürgerinnen und -Bürger, die im Vereinigten Königreich leben, muss ich nun einen einmaligen Antrag stellen, damit ich auch weiterhin hierbleiben darf. Hierfür muss ich nachweisen, dass ich schon eine bestimmte Anzahl an Jahren ununterbrochen hier gelebt habe. Als ich nach Großbritannien gezogen bin, war das einfacher: Damals konnte ich ohne großen Aufwand und Papierkram hierherkommen und bleiben, solange ich wollte. Umgekehrt konnten natürlich auch britische Bürger ohne Einschränkungen in anderen Ländern der Europäischen Union leben. Für Menschen, die jetzt nach Großbritannien oder von dort in ein EU-Land ziehen, dürfte das nun komplizierter werden.

Bei der Arbeit mussten wir lange vor dem Brexit schon viele Vorbereitungen treffen, und da niemand genau ahnen konnte, wie geregelt der Austritt dann stattfinden würde, war das kein einfaches Unterfangen. Niemand weiß auch jetzt genau, wie sich der Brexit auf die wirtschaftliche Situation und viele andere Lebensbereiche auswirken wird. Es ist immer noch eine große Phase der Unsicherheit. Die genauen Folgen des Austritts werden sich über lange Zeit erst noch zeigen.

Beruflich bedeutet er für mich, dass viele Förderungen und internationale Austauschprogramme, die es in der Europäischen Union für uns Forscherinnen und Forscher gegeben hat, im Vereinigten Königreich nicht mehr zur Verfügung stehen. Für uns Forscherinnen und Forscher ist die internationale Zusamenarbeit nun nicht mehr so einfach und der Brexit ist für die Wissenschaft daher sehr bedauerlich.

Glaubst du, dass der Austritt aus der Europäischen Union für die Briten die richtige Entscheidung war?

Ich persönlich war sehr traurig, als sich die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union entschlossen hatten. Die Europäische Union ist für mich ein wichtiger Zusammenschluss von Ländern, der uns viele gemeinsame Rechte und Freiheiten gibt. Aber wir teilen eben auch politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme, die wir zusammen zu lösen versuchen sollten.

Ich habe das britische Leben eigentlich immer als sehr tolerant und offen empfunden. Allerdings haben die jahrelangen Debatten vor und nach der Brexit-Abstimmung wohl leider bewirkt, dass es eine Aufteilung der Bevölkerung in Brexit-Befürworter und Brexit-Gegner zu geben scheint. Selbst innerhalb von Familien- und Freundeskreisen. Weil von einigen befürwortenden Politikerinnen und Politikern und manchen Medien leider auch viele Fehlinformationen über die Europäischen Union sowie über die Vor- und Nachteile eines Austritts verbreitet wurden, wurde die Europäische Union für Probleme verantwortlich gemacht, für die sie gar nichts kann. Es wurde den Menschen auch einige falsche Versprechungen für die Zeit nach dem Brexit gemacht, und es ist falsch, jemanden auf solche Art von etwas überzeugen zu wollen.

Für mich hat sich Großbritannien also nicht richtig entschieden. Man kann sich von einem Bündnis wie der Europäischen Union nicht nur eigene Vorteile erwarten und muss auch viel in ein solches investieren. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam Probleme besser bewältigen können als jedes Land für sich allein.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute nach England!