Lyrik – Februar 2026 von Helmut Voit

Gedichte in Wort und Bild

Manchen Gedichten sieht man den Inhalt auf den ersten Blick an.

Gedichte in Wort und Bild

Woran erkennst du ein Gedicht? An den Reimen? An den Strophen? Am Takt? Auf sehr viele Gedichte trifft das zu. In der bunten Welt der Lyrik ist aber noch viel mehr erlaubt. Manchen Gedichten siehst du ihren Inhalt sogar schon auf den ersten Blick an!

Dichterinnen und Dichter sind oft verspielt und probieren gerne Sachen aus. Schon früh kamen Sprachkünstler auf die Idee, Gedichte nicht nur in geraden Strophen zu schreiben. Bereits vor vielen hundert Jahren verfassten die Alten Griechen und Römer Texte, die in ihrer Form den Inhalt abbilden. Zum Beispiel gibt es Gedichte über ein Ei oder eine Flöte, die auch genauso aussehen. Diese Art von Texten nennt man Figurengedichte.

Leon Porträt Rechts

Pariser Figurengedicht

Vor etwa einhundert Jahren verfasste auch der berühmte französische Dichter Guillaume Apollinaire (sprich: „Gijom Apollinär“) solche Figurengedichte. Einer seiner Texte handelt von einem der bekanntesten Bauwerke der Stadt Paris. Um die Sehenswürdigkeit zu erkennen, brauchst du nicht einmal den Text zu verstehen. Weißt du, worüber Apollinaire hier schreibt? 

Es fließt die Zeit

Auch auf Deutsch gibt es viele Figurengedichte. Besonders beliebt waren sie in der Zeit des Barock (von etwa 1600 bis 1750). Damals überzogen viele Kriege und Krankheiten das Land. Der Tod war ein vertrauter Anblick. Den Barockmenschen war bewusst, dass das Leben nicht ewig dauert. Das spiegelt sich auch in der Lyrik wider. In Gedichten stellte man zum Beispiel gerne die Sanduhr in den Mittelpunkt. Sie gilt als ein Symbol für das Verrinnen der Zeit. 

In seinem Figurengedicht „Ein Sand-Uhr“ hat der deutsche Dichter Theodor Kornfeld seinen Text in Form dieser Uhr angeordnet. Unten findest du das Gedicht in altdeutscher Schrift, die zu dieser Zeit üblich war. Schaffst du es, das eine oder andere Wort zu entziffern?

Hier kannst du das Gedicht noch einmal anhören und in unserer modernen Schrift lesen. Vielleicht verstehst du nicht jedes einzelne Wort. Aber sicher erkennst du, was uns der Dichter mit seinem Text sagen will.

Was heißt …

Sach(en): hier: Angelegenheit(en)
fromm: anständig
winken: hier: zeigen

Ein Sanduhr

Ein Sanduhr

... und auch das Mondlicht

Viel später hat ein anderer Dichter ein weit weniger düsteres Figurengedicht geschrieben. Auch hier verrinnt etwas. Aber diesmal auf ganz heitere Art. Verzweifle nicht, wenn du das Gedicht von den beiden spazierenden Trichtern nicht gleich völlig verstehst. Der Text stammt von Christian Morgenstern. Der Deutsche war für seinen witzigen „Nonsens“, seinen Unsinn oder auch Nicht-Sinn, geschätzt und bekannt!

Die Trichter

Die Trichter

Zum Ausprobieren

Figurengedichte eignen sich auch hervorragend für eigene Experimente! Versuche einfach mal selbst, den Inhalt eines Gedichts in der Form seines Inhalts aufzuschreiben. So verwandelst du Buchstaben in Dinge, Personen, Pflanzen oder Tiere. Du kannst dafür die Gedichte von anderen oder eigene Texte verwenden. Anregungen und Ideen liefert dir vielleicht auch ein Gedicht von Ernst Jandl (1925-2000). Der österreichische Lyriker, wie man Dichter auch noch nennt, wurde durch Gedichte bekannt, die man vor allem sehen oder hören muss. In „der künstliche baum“ stellt er diese „Pflanze“ in Wort und Bild dar. 

Hier geht es zum Gedicht   

Dein Fachwortschatz

In einem Figurengedicht oder Kalligramm steckt nicht nur ein Text, sondern auch eine Figur oder ein Gegenstand. Die Buchstaben und Zeilen sind so angeordnet, dass sie eine bestimmte Form ergeben. Meist hat dieses Bild etwas mit dem Inhalt des Gedichts zu tun.

In der Dichtkunst sind die Kalligramme ein Teil der sogenannten „visuellen Poesie“. Dazu zählen alle Gedichte, bei denen die bildliche Darstellung eines Textes besonders wichtig ist.

Leon

Gibt es eigentlich schon ein Figurengedicht mit einer Ente? Vielleicht hast du ja Lust, eines zu schreiben! Davor möchte ich dich aber noch bitten, dein Wissen in diesem Quiz zu testen.

Quak flatternd rechts

Lyrische Grüße von Helmut Voit