Lyrik – Juni 2026 von Helmut Voit

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Sommergedichte

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Bald sind Ferien und du kannst den Sommer in vollen Zügen genießen. Von der warmen Jahreszeit schwärmten und schwärmen auch viele Dichterinnen und Dichter. Bei ihren Texten bekommt man gleich noch viel mehr Lust, die Schönheit der Natur neu zu entdecken und zu genießen.

Damit ein Gedicht seine Wirkung zeigen kann, solltest du es nicht nur lesen, sondern auch hören. Wichtig ist dabei, dass sein Inhalt auch lebendig und spürbar wird. Das schaffst du durch Betonungen und gut gesetzte Pausen. Hör dir an, wie die Sprecherin diese nutzt.

Leon Porträt Rechts

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben. 

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder. 

Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise

Text gekürzt

Paul Gerhardt (1607–1676)

Was heißt …
Zier: Schmuck
Kluft: Spalte
ergötzen: erfreuen
Reis: hier: junger Zweig 

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Was heißt …
bang: ängstlich, besorgt

 

Das verirrte Wölkchen

Das verirrte Wölkchen

Das verirrte Wölkchen

Ein Wölkchen irrt am Himmel hin,
Verloren und verlassen,
Der Mond sucht's mit der Strahlenhand
Am Kleidchen zu erfassen.

Das Wölkchen aber läuft und läuft,
Der Sinn ist ihm verwirret,
Hat spielend sich vom rechten Weg
Schon viel zu weit verirret.

Nur wie ein Pünktchen seh ich's noch
Am Horizonte wallen,
Das Herz steht mir in Bangen still -
Mir ist, als säh' ich's fallen! 

Anna Ritter (1865 – 1921)

Was heißt …
Bangen: Besorgnis, Befürchtung

Ein Gedicht packend und spannend vorzutragen, ist keine Hexerei. Mit ein paar kleinen Tipps und etwas Übung wirst du merken, dass dein Vortrag immer besser wird. Versuche selbst, die Gedichte vorzulesen. Halte dich dabei an Die fünf goldenen Regeln des Vortrags. Du findest sie unten im Kasten.

Der Lauf der Zeit 

Beim Lesen und Hören ist dir sicher etwas aufgefallen. Manche Wörter kennst du wahrscheinlich gar nicht oder zumindest in einer anderen Bedeutung. Wieder andere Wörter sind anders geschrieben, als du sie kennst. Das lässt sich leicht erklären. Die drei Gedichte haben bereits einige Jahre auf dem Buckel. Und Sprache verändert sich einfach im Lauf der Zeit. Ersetze dir unbekannte Wörter in den Gedichten durch Wörter, die du kennst. Schreibe auch Wörter, die anders als heute geschrieben werden, so, wie du es gelernt hast. 

Lies jetzt die Gedichte noch einmal. Merkst du einen Unterschied zum Original? Wahrscheinlich klingen die Texte in der neuen Version nicht mehr ganz so rund und passend – oder?

Sind Gedichte nicht mehr normal?

Die Schreibweise und Wahl der Wörter in den Gedichten hat nämlich nicht nur etwas mit ihrem Alter zu tun. Wie Musik leben auch Lyrik-Texte stark von ihrem Rhythmus. Damit der Text im Takt bleibt oder sich die Wörter am Ende reimen, nehmen sich Dichterinnen und Dichter viele Freiheiten heraus. Sie ändern die Wortfolge und lassen einen Satz auch über mehrere Verszeilen gehen.

Das hat zum Beispiel auch Heinrich Heine so gemacht. Schreibe sein Gedicht „Das Fräulein stand am Meere“ ohne Zeilenumbruch auf. Also so, als ob du kein Gedicht, sondern einen normalen, durchgehenden Text schreibst. Beginne mit: Das Fräulein stand am Meere und seufzte lang und ...“

Du kannst nun auch versuchen, die Wörter so umzustellen, wie du es vom Grammatikunterricht kennst. Also so, dass die Sätze für dich „normal“ klingen. Lies dann zuerst deinen neuen Text und darauf gleich den originalen Text von Heinrich Heine. 

Welche Unterschiede fallen die auf? Reimt sich dein umgeschriebener Text noch? Hat dein Text einen eingängigen Rhythmus, der noch passt?

Dein Fachwortschatz

Die fünf goldenen Regeln des Vortrags
 

  1. Sprich laut und deutlich.
  2. Achte auf das richtige Tempo und vermeide Versprecher.
  3. Versuche gut zu betonen und mach passende Pausen – zum Beispiel nach einer Verszeile. Die Sprachmelodie soll stimmen.
  4. Achte auf deine Körpersprache und deinen Gesichtsausdruck. Stelle dich aufrecht hin und stehe mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Vor dem Spiegel lässt sich das gut üben.
  5. Schau nicht auf den Boden oder die Decke, sondern in die Klasse, dein Publikum. 

    Möchtest du gerne wissen, wie du auf die anderen wirkst und dein Vortrag klingt? Dann nimm dich vorher auf Video auf. Sicher fallen dir beim Abspielen selbst noch ein paar Dinge auf, die du verbessern kannst!

    Vers oder Verszeile: Das Gedicht „Das Fräulein stand am Meere“ hat zwei Strophen mit je 4 Versen.
    Am Ende einer Verszeile steht der Zeilenumbruch. Auf deinem Computer oder Handy entsteht er durch das Drücken der Enter-Taste.

Leon

Bevor du in die Ferien startest und vielleicht dein eigenes Sommergedicht verfasst, zeig noch einmal dein Wissen im Quiz. Falls dir ein Begriff im Quiz nicht bekannt sein sollte, schau im Fachwissen Lyrik des letzten Schuljahres nach.

Quak flatternd rechts

Lyrische Grüße von Helmut Voit