Lyrik – November 2026 von Helmut Voit

Verdrehte Wahrheit

Große und kleine Lügen

Verdrehte Wahrheit

Lügen sind ein Teil des Lebens. Mit einer kleinen Notlüge schützen wir uns oder vermeiden es, andere zu beleidigen. Und manche lügen sogar so viel, dass sich die Balken biegen. Auch in diesen Gedichten dreht sich alles um große und kleine Lügen: von fliegenden Ziegen bis zum Hasen auf Schlittschuhen.

In zwei dieser Gedichte tischen uns ihre Verfasser ganz schön freche Lügen auf. Mit diesen bringen sie uns zum Schmunzeln und wohl auch ein bisschen zum Nachdenken.
Der dritte Text ist eine Strophe aus einem Gedicht. Es trägt einen französischen Titel, den man in etwa mit „Das Denken der Sklaven“ übersetzen kann. In dem Auszug führt uns der Dichter vor Augen, dass wir uns auch ganz gerne belügen lassen.

Hör dir die Gedichte an und achte darauf, wie sie betont werden.

Leon Porträt Rechts

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest
mit sieben jungen Ziegen,
sie feierten ihr Jubelfest
und fingen an zu fliegen.
Der Esel zog Pantoffeln an,
ist übers Haus geflogen.
Und wenn das nicht die Wahrheit ist,
so ist es doch gelogen.

Gustav Falke (1853 – 1916)

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss’ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar
saß auf einer grünen Kiste,
die rot angestrichen war.

Neben ihm ’ne alte Schrulle,
zählte kaum erst siebzehn Jahr,
in der Hand ’ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Verfasser unbekannt

Was heißt …

Flur: unbebautes Land
Schrulle: abwertender Ausdruck für eine seltsame ältere Frau 
Butterstulle: Butterbrot

O – raison d'esclave

O – raison d'esclave

O – raison d'esclave

Lügen, Lügen! Gebt uns Lügen! 
Ach, die Wahrheit ist so roh! 
Wahrheit macht uns kein Vergnügen, 
Lügen machen fett und froh!

Christian Morgenstern (1871 - 1914) (Text gekürzt)

Was heißt:
„O - raison d'esclave“: Französisch für „O-Sklavenvernunft“, also die Akzeptanz der eigenen Unfreiheit

Gerappt und gesungen

Gerappt und gesungen 

Das Gedicht „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ kennst du vielleicht schon. Von diesem gibt es viele unterschiedliche Strophen und Varianten. Es wird bis heute auch immer wieder als Liedtext verwendet oder umgedichtet.

Deutsche Schülerinnen und Schüler haben eine eigene Version gerappt:
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Wenn du gerne elektronische Musik hörst, kannst du dir diese Version der Band „Der Plan“ anhören:
Hier geht's zum Video

Dein Fachwissen

In unserer Sprache verwenden wir verschiedene sprachliche Figuren. Sie schmücken unsere Texte aus und machen sie bunter und lebendiger. In Gedichten kommen sie besonders häufig vor.

In „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ findest du viele Widersprüche und Gegensätze. Die Bezeichnung für so eine sprachliche Figur klingt für deutschsprachige Ohren etwas ungewohnt. Sie wird Oxymoron genannt. Die ersten überlieferten Gedichte in Europa stammen aus dem antiken Griechenland und dem alten Rom. Viele Fachbegriffe tragen daher noch immer den Ausdruck dieser Völker. Das altgriechische „Oxymoron“ bedeutet auf Deutsch in etwa „scharfsinnig dumm“. Neben der Dichtkunst (= Lyrik) wird diese sprachliche Figur auch immer wieder für Werbungen verwendet. Vielleicht fällt dir dort einmal ein Oxymoron auf. 

Bekannte Beispiele für ein Oxymoron sind ... 
Eile mit Weile
Hassliebe
Stummer Schrei 
Alter Knabe

Gedichte folgen ihren eigenen Regeln. Wie in der Musik spielen bei ihnen der Rhythmus und die Form eine wichtige Rolle. Meist kannst du ein Gedicht bereits erkennen, bevor du es liest. Das liegt an den Verszeilen und Strophen, die du in der September-Lyrik kennenlernen konntest. Gedichte springen dir mit dieser Gliederung bereits optisch ins Auge.

In Gedichten zieht sich ein Satz oft über mehrere Verszeilen. Dichterinnen und Dichter stellen auch gerne Wörter und Satzteile um. Die Texte entfalten so eine besondere Wirkung und einen eigenen Rhythmus oder reimen sich dadurch.

Leon

Schreibübung

In diesen Gedichten geht ein Satz häufig über mehrere Zeilen. Schreib eines, oder auch mehrere, der Gedichte um. Mach keine Zeilenumbrüche, sondern schreib die Sätze aus. Notiere den Text so, wie du das auch in einem Aufsatz machen würdest. Die Satzzeichen im Gedicht (, . !) helfen dir. Glaubst du aber, dass ein anderes Satzzeichen an einer Stelle besser passt, probier es einfach aus. Gleiches gilt für die Wortstellung. Verschiebe Wörter oder Wortgruppen so, wie sie für dich besser klingen. Du kannst auch Wörter ergänzen, die deiner Meinung nach fehlen.

Du kannst zum Beispiel so beginnen: „Dunkel war’s. Der Mond schien helle. Schneebedeckt war die grüne Flur, als ein Wagen ...“

Lies danach das originale Gedicht und deinen neuen Text laut vor. Fallen die Unterschiede auf? Was hat sich verändert?

Lügen helfen dir beim Quiz natürlich nicht weiter. Um die Fragen richtig zu beantworten, musst du schon die Wahrheit herausfinden.

Quak flatternd rechts

Lyrische Grüße von Helmut Voit