Lyrik – September/Oktober 2026 von Helmut Voit

Es herbstelt

Gedichte über Herbststimmung + Tipps zum Vortragen

Es herbstelt

Woran denkst du beim Begriff „Herbst“? An schöne, intensive Farben? Die Ernte von süßem Obst und goldgelbem Getreide? An starken Wind, der die Blätter von den Bäumen weht und die Drachen steigen lässt? Vielleicht bist du zudem ein bisschen traurig, dass der Sommer nun zu Ende geht. Über das und noch viel mehr haben sich auch zahlreiche Dichterinnen und Dichter im Laufe der Zeit Gedanken gemacht.   

Leon Porträt Rechts

Gedichte sind auch zum Hören gemacht. Erst dann entfalten sie ihre ganze Wirkung. Wichtig ist dabei, dass der Sprecher oder die Sprecherin den Inhalt und die Gefühle des Gedichts spürt und zum Ausdruck bringt. Das überträgt sich dann auch auf die Zuhörer. Am besten gelingt das durch die Betonung der Wörter und die richtigen Pausen. 

Hör gut zu, wie die Sprecherin diese einsetzt.

Herbst

Herbst

Herbst

Nun lass den Sommer gehen, 
Lass Sturm und Winde wehen. 
Bleibt diese Rose mein, 
Wie könnt ich traurig sein?

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Die Vogelscheuche

Die Vogelscheuche

Die Vogelscheuche

Die Raben rufen: "Krah, krah, krah!
Wer steht denn da, wer steht denn da?
Wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht
vor dir mit deinem Brillengesicht.

Wir wissen ja ganz genau,
du bist nicht Mann, du bist nicht Frau.
Du kannst ja nicht zwei Schritte gehn
und bleibst bei Wind und Wetter stehn.

Du bist ja nur ein bloßer Stock,
mit Stiefeln, Hosen, Hut und Rock.
Krah, krah, krah!"

Christian Morgenstern (1871–1914)

Das Lied vom Drachen

Das Lied vom Drachen

Das Lied vom Drachen

Steig, Drache, steig zum Himmel hinan!
Hoch oben sieh die weite Welt dir an!

Sieh an dir die Berge, die Täler und Au'n!
Du musst dir Alles ganz genau beschau'n!

Der Drache hört's und verlässt das Feld,
Er will sich anseh'n ganz genau die Welt.

Er hat sich noch lange nicht satt geseh'n,
Jetzt bleibt er oben in den Lüften steh'n.

Nun aber wendet er seinen Flug,
Er kehret schon zurück, er sah genug.

Und mancher sieht manch' Land und Meer,
Und kommt zuletzt zur Heimat wieder her.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874)

September

September

September

September, geliebter, breitest bläuliche Schleier
Über Fluren und Berge leicht,
Und zärtlich darüber streicht
Zuweilen ein Perlenton deiner silbernen Leier.

Was singst du für Lieder? Süß verschwebende Laute,
Dem Ohr kaum vernehmbarer Hauch,
Wie wenn die Rose vom Strauch,
Die sterbende, Blatt für Blatt hernieder taute.

Ricarda Huch (1864–1947)

Was heißt …

die Flur: hier: unbebautes Land

Perlenton: eine Wort-Erfindung der Dichterin. Er verbindet das Bild einer „Perle“ mit einem Geräusch, einem „Ton“. Das Wort steht hier für den Wert und die Schönheit des Septembers.

Leier: ein altes Instrument mit Saiten

tauen: Du kennst den Ausdruck sicher aus dem Wort „Morgentau“. Die Autorin gebraucht das Wort in einem neuen Zusammenhang. Sie verwendet das Verb „tauen“ für das Verwelken der Rose. Das Absterben des Blatts wird damit zu etwas Sanftem und Schönem.

Keine Angst vorm Vortrag

Die Vorstellung, ein Gedicht vor anderen vorzutragen, sorgt bei einigen von uns für Schweißausbrüche und Panik. Du kannst dich jedoch viel entspannter vor dein Publikum stellen, wenn du dich gut vorbereitest und ein paar Regeln beachtest. Du wirst sehen, dass ein Vortrag dann gar keine Hexerei mehr ist!

Leon

Die fünf goldenen Regeln des Vortrags
 

  1. Sprich laut und deutlich.
  2. Achte auf das richtige Tempo und vermeide Versprecher.
  3. Versuche richtig zu betonen und mach passende Pausen – zum Beispiel nach einer Verszeile. Die Sprachmelodie soll stimmen.
  4. Achte auf deine Körpersprache und deinen Gesichtsausdruck. Stelle dich aufrecht hin und stehe mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Vor dem Spiegel lässt sich das gut üben.
  5. Schau nicht auf den Boden oder die Decke, sondern in die Klasse, dein Publikum. 

    Möchtest du gerne wissen, wie du auf die anderen wirkst und dein Vortrag klingt? Dann nimm dich vorher auf Video auf. Sicher fallen dir beim Abspielen selbst noch ein paar Dinge auf, die du verbessern kannst!

    Jetzt kannst du dich selbst an den Vortrag wagen. Achte dabei auch immer auf die Stimmung des Gedichts und was die Dichterin oder der Dichter mit ihrem Text wohl ausdrücken wollten. Ein paar Gedanken und Hinweise zu den einzelnen Gedichten können dir dabei helfen:
Quak flatternd rechts

Herbst von Joseph von Eichendorff

Dieses Gedicht erzählt vom Abschied des Sommers. Viele trauern der heißen Jahreszeit nach und blicken den kühleren Tagen, die nun folgen, sorgenvoll entgegen. Überlege dir vor deinem Vortrag, welche Stimmung der Text beschreibt. Ist er deiner Meinung nach eher nachdenklich, düster oder positiv und hoffnungsvoll? 

Die Vogelscheuche von Christian Morgenstern

Ganz offensichtlich kann die Vogelscheuche in diesem Text ihren Zweck nicht erfüllen. Die klugen Vögel durchschauen den Trick sofort. Denk beim Vortrag daran, dass hier Raben sprechen und mach sie (ein wenig) nach!

Das Lied vom Drachen von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Achte in diesem Gedicht auf die Satzzeichen. Anfangs findest du ein paar Rufzeichen. Sie markieren Aufforderungssätze. Darin wendet sich jemand an den Drachen und fordert ihn auf, sich die Welt anzusehen. Danach wird beschrieben, was der Drache macht. Versuche diesen Unterschied in deinem Vortrag deutlich zu machen.

September von Ricarda Huch 

Auch dieses Gedicht berichtet vom Übergang des Sommers zum Herbst. Es ist zwar nicht traurig, aber dennoch etwas schwermütiger als das Gedicht von Eichendorff. In diesem Text ist, wie in so vielen Gedichten, die Vermittlung von Stimmungen und Gefühlen besonders wichtig. Kannst du diese beim Lesen spüren und erkennen? Dann gib sie auch in deinem Vortrag wieder.

Dein Fachwortschatz

Gedichte kann man einfach nur genießen. Wie Musik folgen sie aber auch bestimmten Regeln. Diese lassen sich beschreiben und ergründen. Sie helfen dir, die Texte besser zu verstehen und auch eigene Gedichte zu schreiben. Die Form und Gliederung eines Gedichts kannst du mit diesen Begriffen beschreiben:

Strophe: Teil eines Gedichts; Strophen werden durch Absätze voneinander getrennt. Das Gedicht „September“ hat zwei Strophen.

Vers: Gedichtzeile; die erste Strophe von „September“ hat 4 Verse.

Ich hoffe, du hast vor den Quizfragen genauso wenig Angst wie meine gefiederte Verwandtschaft vor der Vogelscheuche! Falls dir ein Begriff unbekannt sein sollte, sieh noch einmal im Fachwortschatz nach.

Quak flatternd links

Lyrische Grüße von Helmut Voit